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Partnerschaft Wetter - Deutschkreutz

Von Hans-Uffe Boerma anlässlich der 20-jährigen Verschwisterungsfeier Wetter - Deutschkreutz im Jahre 2000

Eine Brücke für Heimatvertriebene

Eine Städtepartnerschaft entsteht nicht von heute auf morgen; ihr gehen Aktivitäten einzelner Personen voraus. Es war Schulrat Andreas Berger aus Deutschkreutz, der 1975 die ersten Kontakte zu ehemaligen Bewohnern aus Harkau suchte, weil er fand, dass nach 30-jähriger Vertreibung diese nicht vergessen werden dürften. Bis 1946 hatte die österreichische Stadt mit dem ungarischen Harkau, das nach Bürgermeister Hans Kern nur einen Steinwurf von der Grenze entfernt liegt, viele Verbindungen. Die Leute von Harkau holten ihr Trinkwasser von dem Deutschkreutzer Sauerbrunnen und lieferten dafür Steine zur Straßenpflasterung, bei Erntearbeiten half man sich und konnte dabei Einkäufe tätigen und so manchen unentdeckten Schmuggel betreiben. Auch kannten die Harkauer Juden im anderen Ort, die bereit waren, Darlehen zu gewähren. Und noch einen Grund gab es für Schulrat Andreas Berger, die ehemaligen Harkauer einzuladen: Er erinnerte sich an ihre Musikalität und besonders an ihren Gesangverein Concordia.

Das Potsdamer Abkommen vom 02.08.1945 sah vor, dass ca. 9 Mill. Menschen aus den Ostgebieten umgesiedelt werden mussten, wozu auch die deutschen Siedler von Harkau gehörten. Die Deutschkreutzer wussten, sie hatten Glück gehabt, als sie 1921 bei Österreich bleiben konnten und nicht wie die Nachbargemeinde gegen ihren Willen Ungarn angeschlossen wurde.

Am 12. Mai 1946 mussten die meisten von den ehemaligen 988 Einwohnern Harkaus ihre Heimat mit unbekanntem Ziel verlassen, aber schon ein Jahr zuvor war ein Teil von ihnen geflohen. Sie durften nur an Lebensmitteln und Kleidung mitnehmen, was sie tragen konnten. Über Österreich kamen schließlich diese Vertriebenen im Landkreis Marburg an und wurden auf 23 Dörfer verteilt. Dort wurden sie mit Vorbehalt aufgenommen; man bezeichnete sie als Zigeuner, und sie erlebten, wie einige Einwohner versuchten, ihre Aufnahme zu verhindern, indem sie zugewiesene Zimmer unbewohnbar machten. Doch es half nichts, da der Bürgermeister helfend eingriff.

Im Jahr 1976 werden die Voraussetzungen für die Städtepartnerschaft geschaffen

Als aber 1975 die Einladung zu einem Besuch nach Deutschkreutz eintraf, war das längst Vergangenheit, man hatte inzwischen eine neue Heimat gefunden, Häuser gebaut - so auch in Wetter durch die tatkräftige Unterstützung von Bürgermeister Erkel und Hans Kern und weiter hatten sich einige mit Einheimischen verheiratet.

Nach dem Motto: Die beste Art sich zu rächen ist: Nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten (so von Altbürgermeister Anton Berger einmal formuliert) bereitete man die Reise nach dort vor, Karl Payerl war der Hauptorganisator. Am 17. Juni 1976 trafen etwa 100 Leute mit zwei Bussen in Deutschkreutz ein, wo sie auf das freundlichste begrüßt wurden und man war froh, in Lehrer Rudolf Schwahofer einen Sprecher zu haben, der die passenden Dankesworte fand.

Zwei Ereignisse bleiben in besonderer Erinnerung: zum einen der Heimatabend in der Turnhalle der Europaschule, bei dem die Harkauer spontan ihr Lied "In meine Heimat, da kam ich wieder" sangen und zum anderen der Besuch im Heimatort Harkau. Zwar hatte man versucht, eine schnelle Abfertigung an der österreichisch-ungarischen Grenze vorzubereiten, aber denoch musste man fünf Stunden warten, bis die Busse endlich passieren konnten; und dann begegnete man den neuen Bewohnern, die ihnen mit Misstrauen entgegensahen und nun erlebten, dass die Besucher keine Besitzansprüche geltend machten. Sie wollten lediglich ihr Harkau wiedersehen und waren froh, auf den Friedhof gehen zu können, um die Gräber ihrer Verstorbenen zu sehen.

Mit diesem Besuch war die Voraussetzung für eine engere Verbindung zu der ehemaligen Heimat geschaffen worden, und die Harkauer organisierten sich in einem Arbeitskreis, um einen Gegenbesuch im nächsten Jahr zu arrangieren. Karl Payerl wurde zum Obmann bestimmt und Paul Thumberger zum Kontobetreuer. Bei diesen beiden und Heinz Reitter und Heinrich Fenner lag die Verantwortung für die zukünftige Arbeit.

Das Jahr 1976 brachte noch einen wichtigen Anlass für die weitere Entwicklung der Beziehungen der beiden Städte. Als im August die offizielle Partnerschaft Wetters mit Oostrozebeke gefeiert wurde, beobachtete Karl Payerl - etwas abseits stehend - wie Menschen, die nicht die gleiche Muttersprache sprechen, sich verschwistern. Er fragte sich: Sollte das nicht erst recht unter Deutschsprechenden möglich sein?

Als bei dem Gegenbesuch der Deutschkreutzer in der Zeit vom 11. bis 17.08.1977 ein Heimatabend stattfand, wusste er es so einzurichten, dass die beiden Bürgermeister Anton Berger und Hans Kern mit anderen in der Nähe der Bühne an einem Tisch saßen. Und seine stille Hoffnung, die beiden würden sich anfreunden, ging in Erfüllung; beide verstanden es, ihre gute Stimmung auf die Anwesenden zu übertragen, denn wiederholt gingen sie zum Mikrophon und sorgten für noch mehr Schwung.

Das Jahr 1979 war ein weiterer Meilenstein, denn Hans Feiler war es seiner Zeit gelungen, die alte Sängerfahne des Gesangvereins Concordia zu retten, die jetzt als Leihgabe dem Landesmuseum in der Hauptstadt Eisenstadt überlassen wurde. Dabei erklang zum erstenmal das Lied "An die Heimat", dessen Text und Melodie von Payerl stammen. Am Tag zuvor hatte man sich von der Fahne vor der Kirche in Deutschkreutz, wo man einen Kranz für die Verstorbenen neidergelegt hatte, öffentlich verabschiedet.

Beim Grenzegang 1980 wird die offizielle Verschwisterung vollzogen

Im Rahmen des Grenzegangfestes 1980 war es dann so weit, dass die offizielle Verschwisterung der beiden Partnerstädte vollzogen werden konnte. Am 03. Juli tauschten die beiden Bürgermeister ihre Verschwisterungsurkunden aus. Die Oberhessische Presse schrieb am nächsten Tag: Die Marktgemeinde Deutschkreutz an der österreichisch-ungarischen Grenze mit Blick auf Harkau sei in den vergangenen Jahrzehnten Brücke zwischen der alten und neuen Heimat der Ungarndeutschen gewesen.

Diese Brücke erwies sich in den nächsten Jahren als tragendes Element für die vielen privaten und öffentlichen Beziehungen. In diesem kurzen Überblick können nicht alle Kontakte erwähnt werden, lediglich auf einige herausragende soll noch hingewiesen werden.

Der hiesige Arbeitskreis beschloss 1982 auch sichtbare Zeichen der Verbundenheit in Deutschkreutz und Umgebung zu setzen, in dem man Harkauer Bäume pflanzen und dazu Harkauer Bänke aufstellen wollte. Dieser Vorschlag wurde gut aufgenommen und führte in der Partnerschaftsgemeinde zur Gründung eines Förderausschusses, der die Vorbereitungen vor Ort durchführte, die 1986 abgeschlossen waren. Dort waren die Bäume gekauft worden und von hier hatte man für das Material der Bänke gesorgt. Am 29. Mai wurde der Harkauer Platz am Sauerbrunnen in Anwesenheit von Rundfunk und Fernsehen eingeweiht und das Harkauer Bankerl mit einer Linde offiziell seiner Bestimmung übergeben. In den nächsten Tagen erfolgte dann die Übergabe in den Orten Horitschon, Unterpetersdorf, Haschendorf und in Neckenmarkt; wo man eine Rosskastanie pflanzte. Ein Höhepunkt war die Einweihung des Heimatmuseums in Deutschkreutz, war es doch den Harkauern gelungen, viele Erinnerungsstücke zusammenzutragen, die jetzt besichtigt werden konnten, darunter auch die alte Fahne des Vereins Concordia.

Da sich 1990 durch die politische Entwicklung die Lage entspannt hatte, konnten nun in der evangelischen Kirche zu Harkau (immerhin waren rund 95 % der Bewohner Protestanten gewesen) zwei Tafeln mit den Namen der Vertriebenen und Gefallenen und Vermissten enthüllt werden, nachdem in einer schlichten Feier der Kriegsopfer von 1914 - 1918 am Ehrenmal gedacht und ein Kranz niedergelegt worden war.

Leider wurden die Mitglieder des Harkauer Arbeitskreises immer weniger, wie im August 1995 festgestellt werden musste, etwa 70 % der ehemalig Vertriebenen waren verstorben, man zog daraus die Konsequenz und löste sich auf. Das vorhandene Guthaben von knapp 1.500,00 DM übergab man den zentralen Diakoniestationen in Wetter und Kirchhain.

Die noch Lebenden sehen mit Dankbarkeit auf die vergangene Zeit zurück und wissen in den beiden Bürgermeistern Dieter Rincke und Ernst Möderl die Zukunft der Partnerschaft in guten Händen, wie die Feierlichkeiten zur 20-jährigen Wiederkehr der Verschwisterung in der Zeit vom 04. bis 07. August 2000 beweisen werden.

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